Unsere Stinson L-5 «Sentinel» – 42-99443/N121MC

Die Geschichte unserer Stinson L-5 «Sentinel» beginnt 1944 in Wayne, Michigan. Dort wird sie bei der Stinson Division von Consolidated-Vultee als L-5 «Sentinel» mit der Werknummer 76-1684 gebaut. Am 22. Mai 1944 nimmt die United States Army Air Forces (USAAF) das Flugzeug offiziell ab und gibt ihm die militärische Seriennummer 42-99443.

Von Wayne aus beginnt für die noch fabrikneue L-5 eine Reise quer durch die Vereinigten Staaten. Über das Air Transport Command gelangt sie zunächst nach Detroit. Als ursprüngliches Ziel ist Stockton in Kalifornien vorgesehen, doch dieser Auftrag wird gestrichen und die Route geändert. Über Fort Riley in Kansas wird die Maschine weiter nach Tacoma im Bundesstaat Washington überführt. Am 29. Juni 1944 trifft 42-99443 schliesslich auf dem McChord Field ein.

 

Auf dem Weg in den Pazifik

Nur wenige Tage später geht es weiter. Am 11. Juli 1944 verlässt die Stinson das amerikanische Festland in Richtung Hawaii. Dort wird sie der 7th Air Force zugeteilt und am 16. Juli 1944 an die Bodentruppen übergeben.

Damit verliert sich ihre Spur des Flugzeugs für die folgenden zwei Jahre.

Das bedeutet allerdings nicht, dass die Maschine nicht mehr eingesetzt wurde. Vielmehr endet an dieser Stelle die Dokumentation auf der erhaltenen Aircraft Record Card. Flugzeuge, die an die im Überseegebiet operierenden Einheiten abgegeben worden waren, wurden auf dieser Karte nicht mehr im gleichen Umfang weitergeführt.

Wo genau die 42-99443 während dieser Zeit stationiert war, welche Einheiten sie flogen und welche Aufgaben sie im Pazifik erfüllte, lässt sich mit den heute bekannten Unterlagen deshalb nicht mehr rekonstruieren.

Als L-5 gehörte sie jedoch zu einem Flugzeugtyp, der für die amerikanischen Streitkräfte äusserst vielseitig war. Die «Sentinel» wurde unter anderem als Verbindungs-, Beobachtungs- und Kurierflugzeug sowie zum Transport von Personen und Material eingesetzt. Auch das Erkunden von zielen für die Artillerie gehörte zu ihrem Aufgabenbereich. Dank ihrer ausgeprägten Kurzstart- und Landeeigenschaften konnte sie von sehr kleinen und improvisierten Flugfeldern aus operieren.

Ein zweites Leben auf Hawaii

Mitte 1946 ist der Krieg vorbei und auch die militärische Karriere unserer Stinson geht zu Ende. Die Maschine wird als überschüssiges Kriegsmaterial an die War Assets Administration übergeben.

Damit beginnt ihr ziviles Leben.

Die ehemalige 42-99443 wird verkauft und erhält die amerikanische zivile Registrierung NC62080. Anders als viele andere ehemalige Militärflugzeuge bleibt sie auf Hawaii und wechselt dort im Laufe der folgenden Jahre mehrfach den Besitzer.

So fliegt die kleine Stinson noch lange nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges über jene Inseln, zu denen sie 1944 als junges

Militärflugzeug geschickt worden war. Bis in die 1960er-Jahre hinein lässt sich ihre zivile Geschichte auf Hawaii verfolgen.

Wiedergeburt in Kalifornien

Jahrzehnte nach ihrer militärischen Dienstzeit führt ihr Weg schliesslich zurück auf das amerikanische Festland.

Zwischen 1997 und 1999 wird die Stinson in Chino, Kalifornien, umfassend revidiert. Dabei wird das Flugzeug praktisch vollständig überarbeitet und wieder flugfähig gemacht. In dieser Zeit erhält es auch seine heutige amerikanische Registrierung:

N121MC

Damit ist die Grundlage für ein weiteres Kapitel geschaffen – diesmal auf der anderen Seite des Atlantiks.

Von Kalifornien in die Schweiz

Im Jahr 2001 wird die Stinson für den Transport nach Europa vorbereitet. Im Container geht es zunächst per Eisenbahn quer durch Nordamerika bis nach Toronto. Von dort wird sie per Schiff über den Atlantik nach Amsterdam transportiert und anschliessend auf dem Wasserweg den Rhein hinauf bis nach Basel gebracht.

Nach dem Erledigen der Zollformalitäten trifft die zerlegte Sentinel am 30. November 2001 in Hausen am Albis ein. Dort wird sie wieder zusammengebaut und einer Kontrolle unterzogen.

Am 21. Dezember 2001 ist es schliesslich so weit: Bei winterlichen Temperaturen hebt die N121MC zu ihrem ersten Flug in der Schweiz ab.

Im März 2002 wird die Stinson dem heutigen CAF Swiss Wing übergeben.

Eine bewusst gewählte zweite Identität

Dass unsere Stinson in Wirklichkeit die ehemalige 42-99443 ist, war bereits bei ihrer Ankunft in der Schweiz bekannt. Trotzdem entschied man sich damals ganz bewusst dafür, mit ihr eine andere L-5 darzustellen: die 42-99186.

Diese Maschine hatte eine besondere Kriegsgeschichte und war während ihres Einsatzes abgeschossen worden. Ihre Geschichte sollte mit der Stinson des CAF Swiss Wing in Erinnerung gehalten werden.

Die Darstellung der 42-99186 war damit keine Verwechslung der tatsächlichen Identität unserer Stinson. Man wusste, dass unter der Lackierung die 42-99443 steckte. Die andere Identität war bewusst gewählt worden, um die Geschichte eines anderen Flugzeuges weiterzutragen.

2022 – zurück zur eigenen Geschichte

Ende 2022 änderte sich alles.

Nach einem Motorschaden stand fest, dass umfangreiche Arbeiten notwendig werden würden. Daraus entstand schliesslich der Entscheid, nicht nur den Motor instand zu setzen, sondern die Stinson komplett zu restaurieren.

Damit stellte sich auch eine grundsätzliche Frage: Sollte sie danach weiterhin die 42-99186 darstellen – oder war nach mehr als zwanzig Jahren der Moment gekommen, ihr ihre eigene Geschichte zurückzugeben?

Man entschied sich für Letzteres.

Aus der Restaurierung wurde deshalb zugleich eine Rückkehr zu ihren Wurzeln.

Flugzeug und Motor wurden umfassend überarbeitet und zahlreiche Details wieder näher an den historischen Zustand gebracht. Auch die äussere Erscheinung wurde neu aufgebaut – diesmal nicht als Erinnerung an eine andere «Sentinel», sondern nach dem Vorbild der eigenen militärischen Vergangenheit.

Seit Frühjahr 2026 fliegt unsere Stinson wieder als:

Stinson L-5, Werknummer 76-1684
USAAF 42-99443
N121MC

Mehr als acht Jahrzehnte nach ihrer Abnahme am 22. Mai 1944 trägt «Stinsy» damit wieder ihre eigene militärische Identität.

Sie erinnert heute nicht mehr stellvertretend an die Geschichte einer anderen L-5.

Sie erzählt ihre eigene.